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11.10.2011

Arbeitsdruck macht krank

Ledder1
Ibbenbüren. `Das Schlimmste ist, wenn man morgens Angst hat, zur Arbeit zu gehen.´ `Es gab nur noch Druck.´ `Ich musste mich vor der Arbeit übergeben, ich habe das nicht mehr ausgehalten.´  Beeindruckend ehrlich haben Menschen mit psychischen Behinderungen ihr Scheitern auf dem ersten Arbeitsmarkt geschildert. Ingrid Arndt-Brauer hat zugehört, mit ihnen diskutiert und sich dafür zwei Stunden Zeit genommen. Anlass war der Besuch der Diplom-Kauffrau und Diplom-Soziologin in den Ibbenbürener Ledder Werkstätten. Die vierfache Mutter kommt aus Horstmar und sitzt für die SPD im Bundestag. Die Abgeordnete des Wahlkreises Steinfurt I und Borken I, kümmert sich aber auch um den so genannten Betreuungswahlkreis Steinfurt II, weil diesen aktuell kein Sozialdemokrat im Bundestag besetzt.

Diplom-Sozialpädagogin Eva-Maria Trapp, tätig im Sozialen Dienst des Werkstattbereiches für Menschen mit psychischen Behinderungen, und ein gutes Dutzend Beschäftigte hatten den Besuch gut vorbereitet und einen Fragenkatalog entwickelt: Wie sieht es mit dem Entgelt für Beschäftigte aus? Wie werden sich die Werkstätten über das Jahr 2020 hinaus entwickeln? Gibt es politische Möglichkeiten, auf Arbeitsbedingungen einzuwirken? Ingrid Arndt-Brauer antwortete ruhig und sachlich. Wirklich spannend wurde es vermutlich für sie, als die Beschäftigten, darunter auch einige aus dem Berufsbildungsbereich, von sich erzählten.  Zum Beispiel davon, dass ein Betriebsklima durch eine neue Leitung kippte und Druck und Ellbogen-Denken die Leute krank machte. Oder dass psychisch schon labile Menschen sich gemobbt, verdrängt, ja bedroht fühlten durch eigene Kollegen.

Durchhalten bis zum Absturz - das haben etliche erlebt. Und sind heute Menschen mit einer dauerhaften psychischen Behinderung. `Das Missverständnis liegt darin, dass viele glauben, wir bekommen alle wieder gesund´, sagte Geschäftsführer Ralf Hagemeier zum Selbstverständnis der Ledder Werkstätten: `Wir sind keine Kopie des ersten Arbeitsmarktes. Wir bauen keine Erwartungsniveaus auf. Wir versuchen Arbeit um die Menschen herum zu organisieren. Wir gestalten sie so, dass es nicht mehr zu den erlebten Aussonderungsprozessen kommt.“

Marianne Büscher (Geschäftsleitung Werkstatt für psychisch behinderte Menschen) berichtete, dass Beschäftigten die öffentliche Diskussion um Sparzwänge, um das allgegenwärtige Schlagwort Inklusion Angst mache. `Was braucht jeder Einzelne?´ Das sei die Frage für die Einrichtung, betonte Eva-Maria Trapp. Wünschenswert sei, dass sich Rahmenbedingungen derart änderten, dass Menschen in den Betrieben entsprechend rücksichtsvoll behandelt würden. Ihre psychischen Erkrankungen würden viele im Arbeitsleben erleiden.

Ingrid Arndt-Brauer weiß aus Besuchen in vielen Betrieben:´Es gibt zu wenig Möglichkeiten gedrosselter Wiedereinstiege in den ersten Arbeitsmarkt.´ Die Handlanger-Jobs, einfache Arbeitsplätze, seien verschwunden. `Wir haben Arbeitsbedingungen geschaffen, die häufig kein lebenslanges Arbeiten mehr zulassen.´ Druck aufs Personal funktioniere aber nur bis zu einem bestimmten Punkt und `Inklusion wird richtig teuer, wenn man sie wirklich ernst nimmt.´

Was bedeutet der Arbeitsplatz in der Werkstatt für die Beschäftigten? `Hier habe ich gemerkt, dass Arbeit Spaß machen kann.´ `Man lässt mir Zeit.´ `Ich muss hier nicht das tun, womit ich am Arbeitsmarkt gescheitert bin.´ `Ich kann Dinge ausprobieren und das Passende für mich finden.´ Der individuelle Ansatz in den Ledder Werkstätten bedeutet für sie: Arbeit wieder als erfüllenden Teil des Lebens zu begreifen, den Wert von Gemeinschaft neu zu erfahren, auch neue Fähigkeiten bei sich zu entdecken.