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06.01.2011
Praxis für Politik
Rheine. `Praxis für Politik´ ist ein Projekt des Bundesverbandes der Dienstleistungswirtschaft (BDWi). Im Rahmen dieses Projektes können Politiker ein eintägiges Praktikum ihrer Wahl in einem Gartenbaubetrieb, an einer Tankstelle oder einer sozialen Einrichtung machen.
Gerne nahm jetzt die SPD-Bundestagsabgeordnete Ingrid Arndt-Brauer das Angebot vom BDWi an, ein Praktikum in ihrem Wahlkreis zu machen. Wichtig war es Arndt-Brauer dabei, Einblicke in eine soziale Einrichtung zu bekommen. Über den Bundesverband der BerufsbetreuerInnen war dann schnell sicher, dass die Politikerin beim Betreuungsbüro `Kompass´ in Rheine ein Praktikum absolvieren könnte. Christian Kohlmann (i. Bild re.), einer von vier Betreuern der Bürogemeinschaft im Nadorff-Haus am Kardinal-von-Galen-Ring, war sich im ersten Moment nicht klar darüber, wer da bei ihnen ein Praktikum machen sollte. Er und seine Kollegen Fritz Sparr (2. v. li.), Ulrich Nadgrabski (2. v. re.) und Bettina Miller (Bildmitte) freuten sich dann auch sehr über die `politische´ Unterstützung.
Arndt-Brauer bekam dann die Möglichkeit, Bettina Miller zu ihren Klienten zu begleiten. Um 9 Uhr machten sich die beiden Frauen auf den Weg zu einem behinderten russischen Alkoholabhängigen, der in einem Rheinenser Obdachlosenasyl untergebracht ist. Sprachbarrieren konnten mit Unterstützung eines Pflegedienstes zwar halbwegs ausgeräumt werden; machten die Unterstützung des zu Betreuenden aber nicht einfacher. Eine feste Bleibe für den Betroffenen muss nun gefunden werden. Weiter ging es dann zu der Besichtigung eines Privathauses. Dieses ist noch im Besitz einer älteren Dame, die in einer Pflegeeinrichtung untergebracht ist. `Hier müssen erst Erbschaftsangelegenheiten geklärt werden´, erläuterte Miller ihrer Praktikantin. Die Weiterfahrt erfolgte dann zur Bank des Klienten aus der Obdachlosenunterkunft, um sein Konto zu sperren. Bei der Rückkehr zum Büro von `Kompass´ wartete nicht nur eine 80-jährige Dame, die wahnhaft erkrankt ist, sondern auch eine 21-jährige Betreute auf Bettina Müller. Beiden Frauen werden ihre finanziellen Mittel zugeteilt. Die junge Erwachsene kommt zwar aus gutem Haus, hat aber falschen Umgang, kämpft mit Drogen- und Alkoholproblemen und droht in der Prostitution zu landen, erfuhr Arndt-Brauer und zeigte sich betroffen von den Schicksalen der Klienten, die sie nun auch persönlich kennen gelernt hatte.
`Berufsbetreuer sind das letzte Glied in der Kette´, erläutern die Betreuer Ingrid Arndt-Brauer im abschließenden Gespräch. Zu der Klientel des beruflichen Betreuers gehören insbesondere psychisch Kranke, geistig Behinderte, Suchterkrankte, Demenzerkrankte und Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten, die wegen einer Krankheit oder Behinderung nicht mehr aus eigener Kraft ihre rechtlichen, sozialen und persönlichen Angelegenheiten erledigen können. Hier wird der Betreuer vom zuständigen Gericht als gesetzlicher Vertreter eingesetzt, um diese Aufgaben zu übernehmen. In Vollzeit beschäftigte Berufsbetreuer kümmern sich um ca. 45 bis 70 Personen. Hier zählen der Aufwand und die Krankheit der einzelnen Klienten. Bettina Miller betreut Personen im Alter von 18 bis 96 Jahren.
Wünschenswert für die Sozialarbeiterin wäre eine früh einsetzende Prävention - möglicherweise bereits in Kindertagesstätten, die einen Einsatz von Berufsbetreuern nicht mehr erforderlich machen würde. `Besonders freuen wir uns natürlich, wenn wir eine Betreuung wieder abgeben können und unser Klient sein Leben wieder selber in die Hand nimmt´, so Christian Kohlmann. Er ist sich mit seinen Kollegen einig, dass ihre Arbeit auch deshalb so viel Spaß macht.
`Aus Berichten von sozialen Verbänden waren mir natürlich die Probleme bekannt, aber die Praxis ist eine andere Erfahrung´, resümierte Arndt-Brauer nach ihrem Praktikum und nahm positive wie negative Eindrücke des Tages mit nach Hause. |